Die Galerie Max Hetzler freut sich, The Self Assessed, eine von Cornelius Tittel kuratierte Ausstellung in der Potsdamer Straße 77-87 in Berlin, zu präsentieren.
‚Die unterhaltendste Fläche auf der Erde ist die vom menschlichen Gesicht.‘1
Was Georg Christoph Lichtenberg in seinen Sudelbüchern mit der Eleganz eines Aphorismus notiert, hat die Kunst nicht mehr losgelassen. Denn diese Fläche ist niemals neutral. Sie ist Projektionsfläche, Setzung, Inszenierung – ein Spannungsfeld, in dem sich Kunst und Gesellschaft aufs Engste berühren. Genau hier setzt die Ausstellung The Self Assessed an – kuratiert von Cornelius Tittel, der eine beeindruckende Künstlerliste zusammengeführt hat, die auch seine zehn Jahre als Chefredakteur von Blau International reflektieren.
Die Geschichte des Selbstporträts lässt sich als Geschichte solcher Setzungen lesen: Sie weist dem Individuum einen Platz zu, als Träger von Bedeutung, als Bild gewordene Rolle, als Figur innerhalb einer Ordnung, die im Bild entweder bestätigt oder infrage gestellt wird. Erst als diese Übereinkunft brüchig wird, verschiebt sich der Maßstab. Nicht mehr die Ähnlichkeit entscheidet, sondern die Intensität der Erscheinung, die malerische Geste, das Maß an Gegenwart. Im Selbstporträt verdichtet sich diese Bewegung zu einem paradoxen Kern. Hier fallen Blick und Gegenblick zusammen und bleiben doch unvereinbar. Wer sich selbst darstellt, versucht ein Ich zu fassen, dass sich jedem Zugriff entzieht. Das Selbstbildnis ist kein Spiegel im naiven Sinne, sondern ein Experiment: Analyse und Inszenierung zugleich. In ihm kippt das Eigene ins Fremde, das Gesicht wird Form, wird Figur, wird stille Oberfläche. Diese Verschiebung zieht sich als feine, unnachgiebige Linie durch die Ausstellung.
Bei Paula Modersohn-Becker wird das Selbstporträt zum Ort radikaler künstlerischer Selbstbehauptung. Mit unbeirrbarem Blick tritt sie dem Betrachter entgegen; ihre Malweise ist kompromisslos modern, ihr Anspruch klar: nicht Abbild zu sein, sondern Gegenüber. In seiner Direktheit erinnert das Bild an Rembrandt Selbstporträts und ist damit zugleich ein Vorbote einer Subjektivität, die sich nicht mehr einordnen lässt. Von hier aus spannt die Ausstellung einen Bogen ins 20. und 21. Jahrhundert. Giorgio de Chirico inszeniert sich in wechselnden Rollen – als alter Meister, als historisches Zitat, als eigene Karikatur. Mit seinen Travestien unterläuft er die Vorstellung eines stabilen Selbst und eröffnet einen Raum, in dem Identität zur performativen Geste wird. Diese Bewegung findet bei Cindy Sherman ihre konsequente Fortsetzung: Ihr Gesicht verwandelt sich in eine variable Oberfläche, Identität erscheint als Effekt der Darstellung.
Parallel dazu verschiebt sich das Selbst aus dem Bild in den Handlungsraum. Bruce Nauman ersetzt Repräsentation durch Präsenz – das Selbst ereignet sich im Vollzug. Martin Kippenberger treibt diese Bewegung ins Exzessive, ins Brüchige; Georg Baselitz überführt sie in eine beinahe vermessende Strenge, in der Körper, Raum und Bild zu Koordinaten einer existenziellen Selbstbefragung werden. In der Malerei selbst setzt sich diese Untersuchung fort, doch die Strategien unterscheiden sich grundlegend. Albert Oehlen zerlegt und rekonstruiert malerische Identität, während Rudolf Stingel Oberflächen in Speicher von Zeit und Berührung verwandelt. Oliver Bak und Victor Man öffnen fragile, oft dunkle Bildräume; hier erscheint das Selbst zugleich als psychischer und sozialer Ort. Lorenzo Amos legt die Wände seines Ateliers frei, gezeichnet von den Spuren eines gelebten Lebens – so wird sein Bild zu einem doppelten Selbstporträt, zugleich Spiegel des Raums und der Existenz. Eric Fischl und Dana Schutz arbeiten mit erzählerischen Konstellationen von großer atmosphärischer Dichte. Maria Lassnig betreibt eine radikale Innenschau des Körpergefühls, Tracey Emin wählt die ungeschützte, unmittelbare Selbstoffenbarung. Neben diesen malerischen Positionen treten andere Medien ins Blickfeld. Thomas Struth reflektiert den Akt des Sehens, Jeff Koons überführt den Narzissmus der Gegenwart in glatte, manieristische Oberflächen, in denen sich Blick und Begehren verfangen. Rebecca Warren fragmentiert den Körper in skulpturale Spuren, Rita Ackermann und Grant Falardeau lassen Intimität und Erinnerung in flüchtige Bildzustände gleiten. In den Arbeiten von Nathanaëlle Herbelin und Michaela Eichwald schließlich wird diese Geschichte nicht fortgeschrieben, sondern verschoben. Bezüge tauchen auf, lösen sich wieder. Das Selbst erscheint hier nicht mehr als Ursprung, sondern als Echo – als etwas, das sich nur im Widerhall anderer Bilder formt.
So entsteht ein dichtes Geflecht aus Blicken, Spiegelungen und Verschiebungen. Was sich darin zeigt, ist kein festes Selbst, sondern eine Bewegung, eine Erscheinung, die sich im Akt des Sehens immer wieder neu bildet und entzieht. Vielleicht ist das Selbstporträt am Ende weniger ein Bild als ein Spiegel. Doch dieser Spiegel gibt nichts preis, was vorher schon da gewesen wäre. Er zeigt, indem er verwandelt, und er verwandelt, indem er uns in das Bild hineinzieht, das wir zu sehen glauben. Am Ende steht nicht das erkannte Selbst, sondern die Erfahrung, sich im fremden Blick, der uns aus dem Bild entgegentritt, neu zu begegnen.
Nils Emmerich, 2026
1 Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, S. 88.
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